"Aus den Augenwinkeln sah Minna das Mädchen da am Ufer sitzen."

An der Skottau

Minnas Schildkrötenherz hüpfte, als sie sich in das wunderbar kühle Wasser der Skottau gleiten ließ. Das Ufer war wunderbar glitschig. Minna genoss es. Sie öffnete ihr Mäulchen bis ihr ein winziges Fischlein in den offenen Mund schwamm. Sie schluckte und machte das Mäulchen gleich noch einmal auf. Diesmal wartete sie darauf, dass ein wenig Entenflott in ihren Magen gespült wurde. Auch Gemüse ist schließlich wichtig, dachte die kleine Schildkröte und fühlte sich wie im Schlaraffenland.
Fressen war angenehm, dachte Minna.
Vor allem, weil sie ja gar nicht viel dafür tun musste.
Sie saß im Wasser, öffnete ihr Maul und das Futter schwamm hinein.
Leben war schön.

Aus den Augenwinkeln sah Minna das Mädchen da am Ufer sitzen. Es hatte Schuhe und Strümpfe ausgezogen und spielte mit den Zehen im Wasser. Ein paar kleine Fische ergriffen die Flucht. Die zappelnden Zehen sahen gefährlich aus. Minna gefielen sie. Sie fand’s spannend und beobachtete, wie sich die Zehen auf und nieder bewegten.
Das Mädchen schien von ihren eigenen Füßen ebenfalls fasziniert zu sein. Sie beobachtete versonnen das Leben ihrer Zehenspitzen.
Und weil sie so versunken in ihr Spiel mit den Füßen war, hatte sie den Mann, der leise um die Ecke geradewegs auf das Mädchen zu kam, nicht bemerkt.

Plötzlich stand er vor ihr und sie guckte hoch. Minna konnte förmlich sehen, wie ihr Herzschlag kurz aussetzte und dann los hoppelte wie das Herzlein eines kleinen Hasen.
“Juri!”, rief sie überrascht. “Was machst du denn hier?” Ihre Wangen färbten sich rot, als sie zu dem Mann aufblickte.
Minna ahnte, dass Menschen auf diese Weise eventuell Paarungsbereitschaft signalisierten. Genau wusste sie es nicht. Vielen paarungsbereiten Menschen war sie bisher noch nicht begegnet.
Der Mann guckte die junge Frau an.
Er sah ihr in die Augen.
Das Mädchen schien diesen Blick ganz woanders zu fühlen, denn es guckte jetzt auf seine Hände.

“Es ist warm heute”, sagte Juri schüchtern und versuchte sich etwas Kühlung zu verschaffen, indem er die Finger zwischen Hals und Kragen schob.
Er lächelte das Mädchen an.
“Schön, dich zu sehen”, sagte er dann.
Er hatte seine Stimme nicht im Griff, dachte Minna. Er klang heiser. Immer wieder musste er sich räuspern.
“Ich hab Magda getroffen”, erzählte Juri. “Sie hat davon gesprochen, dass du hier unten am Wasser bist.”
Wilhelmine guckte hoch.
Es gibt intelligentere Gesichter und weniger intelligente, dachte Minna. Diese hier gehörte eindeutig zu den weniger intelligenten, fand sie.
“Ich war mit ihr hier verabredet …”, sagte Wilhelmine langsam und es hörte sich an, als müsste sie jedes einzelne Wort tief aus ihrem Sprachzentrum hervorkramen und es erstmal behutsam drehen, damit sie es von allen Seiten begutachten konnte, bevor sie es vorsichtig aussprach.
“Das hat sie nicht erwähnt”, wunderte sich der Mann.
Schick sah er aus in seiner Uniform. Das fand sogar die Schildkröte.
“Vielleicht ist ihr etwas dazwischengekommen.”
Oder sie wollte nicht stören. Minna sah die Sache anders. Denn in manchen Situationen reicht es aus, wenn zwei Menschen beieinander sind. Ein dritter wäre dann genau einer zu viel.
Wilhelmine sagte nichts. Sie sah aus, als hätte sie gerne etwas zur Unterhaltung beigetragen, ihr aber ganz einfach nichts eingefallen war.
Die beiden saßen eine Weile still nebeneinander. Minna konnte die Spannung zwischen ihnen fast körperlich spüren. Sie sah, wie Juri überlegte, was er sagen konnte.
Schließlich nahm er allen Mut zusammen und öffnete den Mund.
“Wie geht es dir?”, kam heraus.
Keine besonders intelligente Frage, fand Minna.
“Gut”, antwortete Wilhelmine.
Dann war sie wieder still und schaute auf ihre Hände.

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