"Der neue Hut gefällt mir"

Der neue Hut

Wilhelmine saß vor dem Waschtisch in ihrem Schlafzimmer. Der neue Hut passte hervorragend zu ihren blonden Locken.
Sie hielt den kleinen Handspiegel so geschickt, dass sie ihr Aussehen von allen Seiten gut überprüfen konnte.
Wilhelmine fand sich hübsch.
Sie zupfte noch etwas an der Locke, die sich vorwitzig unter dem Hut hervorgewagt hatte. Ihre sonst eher glatten blonden Haare hatte sie mit einer Brennschere bearbeitet, so dass sie nun in weichen Wellen ihr Gesicht umspielten. Das Ergebnis gefiel ihr.
Der Hut hatte eine breite Krempe. Genau so, wie sie es erst neulich in einem Magazin gesehen hatte. Das Schleifenband war aus Seide.
Ich mag den neuen Hut, dachte Wilhelmine.
Und mich.

“Wilhelmine, kommst du?”, rief die Mutter inzwischen von unten. “Magda ist hier, um dich abzuholen.”
Ein Blick noch in den Spiegel und Wilhelmine lief die Treppen hinunter zu ihrer Freundin.
Die Freundin war ein bisschen jünger als Wilhelmine. Ein bisschen kleiner, ein bisschen runder. Magda war unkompliziert. Sie lachte gern und viel. Ihre Fröhlichkeit war ansteckend. Niemand konnte in ihrer Gegenwart lange ernst bleiben. Kein Wunder, dass Männer sie umschwärmten wie Motten das Licht. Aber genau wie Wilhelmine hatte sie überhaupt noch keine Lust, sich schon zu binden. “Der Richtige ist mir eben noch nicht begegnet”, zuckte sie mit den Schultern, wenn sie jemand fragte, warum sie denn immer noch nicht verheiratet war.
“Ich hab doch noch so viel Zeit”, lachte sie dann.
Wilhelmine fand, dass sie mindestens genau so viel Zeit hatte wie die Freundin.
Ihre Eltern fanden das nicht.
Ständig lagen sie ihr mit irgendwelchen guten Partien in den Ohren.
Aber Wilhelmine wollte nicht.