Exposeé

von | Mrz 1, 2018

Minnas Buch – eine Zeitgeschichte
Wilhelmine

Zeitgeschichtlicher biografischer Roman

404 Seiten

  • Frauen ab vierzig, die sich für Alltag und Kultur in Ostpreußen interessieren.
  • Frauen ab vierzig, die wissen möchten, wie Frauen zwischen zwei Kriegen in Ostpreußen gelebt haben.
  • Frauen, die sich für die deutsche Geschichte zwischen 1920 und 1945 interessieren
  • Menschen, deren Eltern oder Großeltern in Ostpreußen gelebt haben.
  • Leute jeden Alters, die Schildkröten mögen und Freude daran haben, die Menschen auch mal aus einer anderen Perspektive zu sehen.

1920 schlüpft eine Schildkröte in der Nähe eines ostpreußischen Gutshofs. Wilhelmine trifft ihre große Liebe und bekommt 1923 ein uneheliches Kind.

1925 heiratet sie Gustav, weil das Gut einen Verwalter braucht. 1936 geht Gustav zurück auf das Gut seiner Vorfahren und überlässt Wilhelmine sich selbst. Von da an nimmt Wilhelmine ihr Schicksal, das des Guts und die Zukunft ihrer Töchter alleine in die Hand.
Die Geschichte endet im Januar 1945 mit der Flucht aus Ostpreußen.

2016 sitzen Josefine und Tom im Schwabenländle am Küchentisch und stellen fest, dass die zu der Zeit aktuelle politische Situation gar nicht so viel anders ist als die zu Wilhelmines Zeit.

Die Geschichte spielt in Klein Koslau, Kreis Neidenburg, einem kleinen Ort in Ostpreußen. Es gibt Ausflüge nach Neidenburg und ein paar Wochen in Elbing, ebenfalls in Ostpreußen.

Josefine lebt mit Mann und Schildkröte in Reutlingen, Baden-Württemberg.

Wilhelmine – ist Anfang zwanzig, als die Geschichte beginnt. Sie hat ein Gut zu verwalten und einen Ruf zu verlieren.
Minna – die Schildkröte, die manchmal einen ganz anderen Blick auf die Dinge hat, die sie hört und sieht.
Josefine – zieht 2016 Parallelen zu der aktuellen politischen Situation.

Als Josefine mit ihrer Nichte und deren Kinder in Tübingen Stocherkahn fährt, will die zwölfjährige Tina einen Hut. Josefine erinnert sich an ihre Mutter und deren Schwestern, wenn sie von Josefines Großmutter Wilhelmine erzählt haben. „Eine Dame geht nie ohne Hut“, soll sie ihren Töchtern immer wieder gesagt haben.

 

1920 schlüpft eine kleine Schildkröte irgendwo unbemerkt in der Nähe von Klein Koslau und findet den Weg zur Skottau. Zwei Jahre später wird sie von Loni, dem Hütehund, in die Küche des Gutshofes der Familie Lonzewski getragen.

 

Wilhelmine trifft auf dem Maifest ihren Freund aus Kindertagen wieder. Er ist Pole und inzwischen beim Militär. Die beiden verlieben sich ineinander, doch die Verbindung ist ganz und gar unpassend für die höhere Tochter einer ostpreußischen Gutsbesitzerfamilie. Ein Sommerfest soll Wilhelmine und den Sohn des Ritterguts zusammenbringen. Doch Wilhelmine verweigert. Sie will nur Juri, ihren polnischen Soldaten.

 

Die Liebe zwischen Juri und Wilhelmine bleibt nicht ohne Folgen. Minna, die Schildkröte. ist von Anfang an dabei, sieht und weiß alles und ist Wilhelmines engste Vertraute, mit der sie über alles spricht. Natürlich antwortet die Schildkröte nicht, aber was sie denkt, erfährt der Leser doch.

 

Wilhelmine sieht keinen Ausweg und will sterben. Sie fährt nach Neidenburg zu einem Arzt, von dem sie gehört hat, dass er ihr Problem lösen kann. Doch dieser Besuch endet in einem Desaster. Ihr Vater sorgt schließlich dafür, dass Juri von der Bildfläche verschwindet. Die Familie schickt Wilhelmine nach Elbing, wo sie bis zur Geburt ihres Bastards bleiben und in einem Kinderheim arbeiten soll.

 

Wilhelmine hat Heimweh und findet in ihrem Onkel einen Verbündeten, der sie rechtzeitig zum Weihnachtsfest zurück nach Klein Koslau bringt.

 

1923 wird die kleine Helene geboren.

 

Schließlich findet sich doch noch ein Ehemann für Wilhelmine. Die Vorfahren von Gustav Zabienski waren die ehemaligen Gutsherren des Hofes, den nun die Familie Lonzeswki bewirtschaftet. Mit einer Heirat würde der Besitzer schließlich wieder Zabienski heißen.

 

Brautwerbung und Hochzeit finden nach alten ostpreußischen Traditionen statt. Wilhelmine bekommt drei weitere Töchter. Der Nationalsozialismus beginnt und 2016 zieht Josefine Vergleiche zur aktuellen politischen Situation. Es geht um Juden und die Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes, Hakenkreuze in den USA, Reichstagsbrand in Berlin 1933 und 2016 Militärputsch in der Türkei.

 

Gustav hat immer wieder Verhältnisse zu anderen Frauen und findet Gefallen am Nationalsozialismus. Er ist selten zu Hause bis er die Familie schließlich ganz verlässt.

 

Wilhelmine ist nun eine geschiedene Frau. Sie bewirtschaftet das Gut alleine und bekommt Hilfe von ihren polnischen Instleuten. Die sechsjährige Erika fällt bei eisiger Kälte in die Skottau und wird sehr krank. Sie schwebt in Lebensgefahr und liegt lange im Krankenhaus. Doch dann wird sie gesund. Man feiert das Erntefest.

 

Die Einschläge der Kriegshandlungen kommen näher. Die ersten Fluchtvorbereitungen finden statt. Wilhelmines Cousine nimmt Erika und Christel mit in den Westen.
Am 21. Januar 1945 sind die Russen in Klein Koslau. Wilhelmine überlebt das nicht.

Zum Leben in Ostpreußen ist viel geschrieben worden. Die meisten Bücher beschreiben die reinen Fakten. „Dann bin ich …“, „Dann hab ich …“

Es sind persönliche Geschichten, aus der Sicht der Betroffenen, schicksalsschwer und trotzdem ohne besondere Emotionen aufgeschrieben. „Es war damals eben so“, hieß es meistens. Und „Wir haben doch alle damit leben müssen“.
Jammern hilft nicht.

Ich wollte die Geschichten, die ich von der Familie meiner Mutter gehört habe, anders erzählen. Ich wollte nicht noch so eine schwermütige Geschichte von verlorenen Ostgebieten, Flucht und Gefangenschaft schreiben. Davon gibt es schon genug.

Ich wollte eine andere Perspektive. Deshalb habe ich die Schildkröte erfunden.

Ein paar Romane mit ähnlichen Themen habe ich von Christine Brückner gelesen. Sie haben mich bewegt. Vielleicht ist das, was ich geschrieben habe, ein bisschen ähnlich. Aber dann doch wieder ganz anders. Weil es mein Stil ist, in dem ich erzähle.

Leseprobe

 

Minnas Buch – eine Zeitgeschichte

Regina Störk

 

1920
Schildkröten schlüpfen sonntags.

Von ferne hörte man Kirchenglocken. Die Sonne schien, es war heiß und Minna wollte raus.
Raus aus ihrem inzwischen ziemlich eng gewordenen Ei.
Sie wollte ihre Beinchen ausstrecken, den Hals recken, gucken, was es da draußen in der Welt zu fressen gab, wie Sonne sich anfühlte, wenn sie auf den Panzer schien, ohne dass eine Eierschale dazwischen ist. Sie wollte Wasser sehen, erleben.
Minna klopfte an die Eierschale. Einfach war das nicht. Schließlich konnte sie sich in ihrer kleinen engen Welt kaum noch bewegen.
Und dann riss die Schale über ihrem Kopf.
Minna bekam einen riesigen Schrecken und zog ihren Kopf so schnell sie konnte in ihren sicheren Panzer.
Weil so für die ganze Schildkröte unter ihrem Panzer kein Platz war, rutschte das Schwänzlein hinten ein Stück heraus.
Minna war aufgeregt. Das Schwänzchen wackelte und plötzlich knackte es auch hinter ihr.
Das Köpfchen schoss wieder vor und dann fiel das Ei auseinander.
Minna reckte sich, hob das rechte Bein, das linke. Sie stand auf drei Beinen. Dann auf vier. Mit ihrem Schwanz hielt sie das Gleichgewicht. Minna drehte ihren Kopf langsam nach hinten, um zu sehen, was da an ihrem Körper wackelte.
Weil sie eine europäische Sumpfschildkröte war, machte Minna sich auf den Weg zur Skottau, dem nächsten Fluss, den sie von ihrer Geburtsstätte aus erreichen konnte.
Sie brauchte nicht zu überlegen, wie sie dahin kommen würde. Sie kannte den Weg.

2016

“Ich will einen Hut”.
Tina guckte ihre Mutter trotzig an.
Nicht mein Kind.
Nicht meine Sache.
Mich geht das diesmal nichts an.
Mein Sohn ist erwachsen.
Früher hätte ich…
Nein hätte ich nicht.
Wenn Jan einen Hut gewollt hätte, hätte er einen bekommen.

Ich war mit meiner Nichte Petra und ihren Töchtern Madeleine und Tina in Tübingen. Ich hatte versprochen, den Nachmittag mit den beiden Mädchen zu verbringen und vorgeschlagen, mit ihnen Stocherkahn fahren zu gehen. Ohne Eltern. Jetzt war ich froh, dass Petra dabei war. Ich konnte mich entspannt auf dem Kahn zurück lehnen.

Die Sonne schien, es war Sommer, der Neckar plätscherte friedlich vor sich hin. Der Stocherkahnfahrer erzählte von Hölderlin und Hesse, die beide in Tübingen gelebt hatten, erzählte von den studentischen Burschenschaften und zeigte Häuser.
Ich guckte mir die Menschen an, die auf dem Boot saßen und beobachtete die Spaziergänger auf der Neckarinsel.
Zwei Hunde balgten sich.

Manche Spaziergänger hatten eine dunkle Hautfarbe. Dunkle Haare. Vollbart. Woher wussten die Leute bloß immer, dass es Flüchtlinge waren, wenn sie nordafrikanisch aussehende Menschen sahen? Manche Menschen hatten einen olivfarbenen Teint. Ja und? Ich dachte an Bijan. An Daniel. Die Söhne meiner Freundin. Der Vater ist Perser. Die Jungs sind in Jans Alter. Sie waren zusammen im Kindergarten, in der Schule. Inzwischen studieren sie. Flüchtlinge, Asylanten oder einfach nur Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben?
Ich erkannte den Unterschied nie.

“Wieso kriegt Tina schon wieder was und ich nicht?”
Julia war sauer.
Das Zanken der Mädchen riss mich aus meinen Gedanken.
Einen Hut.
Ich glaube, ich hätte auch gern einen Hut.
So einen mit einer breiten Krempe aus Stroh.
Mit flatternden Bändern. Der zu meinem bunten Sommerkleid passt.
Ich dachte an meine Tante Christel.
Eine Frau geht nicht ohne Hut.
Sie hat mir oft von ihrer Mutter erzählt, von meiner Großmutter Wilhelmine.
Der Hut sei ihr wichtig gewesen, hatte sie erzählt. Überhaupt hätte sie sehr auf ihr Äußeres geachtet. Eine schöne, eine vornehme Frau sei sie gewesen. So hatte auch meine Mutter sie beschrieben. Ganz Dame. Ganz Gutsherrin. Sie habe gewusst, was sie ihrem Stand, ihrem Ansehen schuldig gewesen war. Und dazu habe eben auch der Hut gehört, ohne den sie niemals das Haus verlassen hätte.

Ich hatte meine Großmutter leider nie kennen gelernt. Sie war lange vor meiner Geburt gestorben. Wie, darüber hatte meine Mutter geschwiegen. Tante Christel hatte manchmal Andeutungen gemacht und ich hatte mich nie getraut, nachzufragen. Ich hatte Angst, alte Wunden aufzureißen. Vielleicht wusste Tante Christel es aber auch nicht so genau. Als sie Ostpreußen verlassen hatte, lebte meine Großmutter noch.

“Kriegen wir ein Eis?” Eine kleine klebrige Kinderhand schob sich in meine. Ich fand es ein bisschen unangenehm, aber ich ließ sie nicht los. Wer weiß, warum Tina manchmal so zickig war. Vielleicht wünschte sie sich einfach, dass man sie lieb hatte. Wie alle anderen Kinder auch. Jedes Kind hat es verdient, geliebt zu werden. Was macht da schon so ein verschwitztes klebriges Händchen.

Die Mädchen zankten. Das taten sie oft. Die Mutter versuchte jedes Mal zu schlichten. Es gab Eis für alle. Tina wollte immer noch einen Hut. Ihre Hände schienen inzwischen fast noch ein bisschen klebriger als vorher geworden zu sein. Zielstrebig steuerten die Mädchen auf ein Geschäft zu, von dem sie sicher waren, dass es da Hüte gab.

Tina war 12, Julia 14 Jahre alt. Tina, das kleine Hütesuchgerät fand die Hutabteilung auf Anhieb. Sie konnte aufsetzen, was sie wollte. Auf ihrem Kopf waren alle Hüte hübsch. Auf meinem nicht. Das Hutgesicht hatte ich nicht von meiner Großmutter geerbt. Wenn man es genau nahm, war ich auch weder elegant, noch legte ich besonders viel Wert auf mein Äußeres. Aber auf einen Sommerhut hatte ich trotzdem Lust.

Schließlich hörte ich auf meine jugendlichen Beraterinnen und entschied mich für den Hut, der den beiden am besten gefiel. Ein weicher Strohhut mit sehr breiter Krempe und flatternden Bändern. Stolz trugen wir unsere mit neuen Hüten geschmückten Köpfe durch die Stadt. Es fühlte sich nach Sommer an.

1922

Wilhelmine saß vor dem Waschtisch in ihrem Schlafzimmer. Der neue Hut passte hervorragend zu ihren blonden Locken.
Sie hielt den kleinen Handspiegel so geschickt, dass sie ihr Aussehen von allen Seiten gut überprüfen konnte.
Wilhelmine fand sich hübsch.
Sie zupfte noch etwas an der Locke, die sich vorwitzig unter dem Hut hervorgewagt hatte. Ihre sonst eher glatten blonden Haare hatte sie mit einer Brennschere bearbeitet, so dass sie nun in weichen Wellen ihr Gesicht umspielten. Das Ergebnis gefiel ihr.
Der Hut hatte eine breite Krempe. Genau so, wie sie es erst neulich in einem Magazin gesehen hatte. Das Schleifenband war aus Seide.
Ich mag den neuen Hut, dachte Wilhelmine.
Und mich.

“Wilhelmine, kommst du?”, rief die Mutter inzwischen von unten. “Magda ist hier, um dich abzuholen.”
Ein Blick noch in den Spiegel und Wilhelmine lief die Treppen hinunter zu ihrer Freundin.

Die Freundin war ein bisschen jünger als Wilhelmine. Ein bisschen kleiner, ein bisschen runder. Magda war unkompliziert. Sie lachte gern und viel. Ihre Fröhlichkeit war ansteckend. Niemand konnte in ihrer Gegenwart lange ernst bleiben. Kein Wunder, dass Männer sie umschwärmten wie Motten das Licht. Aber genau wie Wilhelmine hatte sie überhaupt noch keine Lust, sich schon zu binden. “Der Richtige ist mir eben noch nicht begegnet”, zuckte sie mit den Schultern, wenn sie jemand fragte, warum sie denn immer noch nicht verheiratet war.
“Ich hab doch noch so viel Zeit”, lachte sie dann.
Wilhelmine fand, dass sie mindestens genau so viel Zeit hatte wie die Freundin.
Ihre Eltern fanden das nicht.
Ständig lagen sie ihr mit irgendwelchen guten Partien in den Ohren.
Aber Wilhelmine wollte nicht.

Heute sollte der Maibaum an der Linde beim Gasthof aufgestellt und mit bunten Bändern geschmückt werden. Alle jungen Burschen im heiratsfähigen Alter würden da sein. Genau so wie die Mädchen aus dem Ort, die das Angebot in Augenschein nahmen und vielleicht schon mal ein Auge riskieren, ein bisschen flirten und Charme und Chancen an dem Mann ihrer Wahl ausprobieren würden.

Wilhelmine und Magda hatten sich eingehakt und liefen über die Wiesen entlang der Skottau in Richtung Dorfplatz.
“Psst – guck mal”, sagte Magda, legte den Zeigefinger vor den Mund und ging vorsichtig in die Hocke.
“Was denn?”, fragte Wilhelmine.
“Psst!”, sagte Magda noch einmal und zeigte mit dem Finger zum Ufer des kleinen Flüsschens, wo das Wasser ganz leise plätschernd über ein paar Steine hüpfte.
“Ich sehe nichts”, sagte Wilhelmine, während sie mit ihren Augen das Ufer absuchte.
“Oh…”, rief sie dann plötzlich aus und schlug sich mit der Hand vor den Mund.
“Hast du gewusst, dass es bei uns Schildkröten gibt?”, fragte Magda.
“Ja klar, die europäische Sumpfschildkröte. Sie leben überall da, wo Störche zu Hause sind. Sie mögen trockene, sandige und sonnige Stellen und lieben Böschungen, Hänge und Waldränder, die nach Süden ausgerichtet sind, und davon haben wir hier eine Menge. Und Störche gibt es schließlich auch.”
“Streberin!”, lachte Magda. “Aber guck mal, die sieht aus, als würde sie uns beobachten.”

Die kleine Schildkröte hob das rechte Beinchen, hielt es in der Luft, so dass es in Richtung Linde zeigte, und ließ den Blick nicht von den beiden Mädels. “Ja, ich finde auch, sie starrt uns an”, stimmte Wilhelmine der Freundin zu. “Sie sieht aus, als wollte sie uns zeigen, in welche Richtung wir gehen sollen. Guck mal, das Beinchen.”
“Die ist klug! Sie zeigt in Richtung Dorflinde. Da wollen wir doch auch hin.”
“Vielleicht will sie uns aber auch etwas ganz anderes sagen.” Wilhelmine hatte das Gefühl, dass es um mehr als nur um das Fest an der Dorflinde ging. “Schade, dass wir nicht wissen, was in ihrem kleinen Köpfchen vorgeht”, bedauerte Magda. “Schildkröten sind weise. Sie hätte uns bestimmt sagen können, wen wir am Maibaum treffen.”

Ja, könnte ich, dachte die kleine Schildkröte. Aber selbst, wenn ich sprechen könnte – warum sollte ich das tun? Das seht ihr doch in ein paar Minuten selbst.
Das Tier nahm den Fuß herunter und stand wieder auf allen vier Beinen.
Sie hätte gern mit den Mädels geredet. Aber sie wusste auch, dass man letztendlich das Schicksal doch nicht kontrollieren konnte. Selbst wenn man wusste, was passierte.
Manchmal wünschte sie sich, sie wüsste weniger.
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie jetzt geseufzt. So drehte sie sich nur um und ließ sich ins Wasser gleiten.

Die Luft war lau, weich und warm. Obwohl es erst der 1. Mai war, fühlte es sich wie Sommer an. Die Kinder sprangen barfuß um den Maibaum herum und versuchten ein paar Süßigkeiten zu ergattern, die von den Erwachsenen immer wieder in die Menge geworfen wurden.

In den Bäumen und Büschen hörte man Vögel zwitschern. Darunter junge Leute lachen. Die Alten im Dorf saßen vor ihren Bierkrügen und freuten sich an dem Anblick der hübschen Mädchen in luftigen Sommerkleidern, die sich in kleinen Gruppen anmutig bewegten und den Jünglingen schöne Augen machten.

“Guck mal, ist das nicht Juri?”
Wilhelmine deutete auf einen schmucken jungen Soldaten in polnischer Uniform: “Den hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen.”
Magda sah ihre Freundin von der Seite an. Wilhelmines Augen leuchteten, die Wangen waren leicht gerötet.
“Ja”, sagte Magda nur und schluckte. Ihr Herz schlug schneller, als sie den Sohn der Landarbeiterfamilie sah, mit dem sie gespielt hatten, als sie noch Kinder waren.

“Juri!”, rief Magda, machte sich so groß, wie es mit ihrer Höhe von knapp einem Meter und fünfzig Zentimetern überhaupt möglich war, und ruderte mit den Armen ganz oben in der Luft.
Magdas hüpfende Gestalt zu übersehen war nicht möglich.
Juri grinste, winkte zurück, schnappte sich drei Gläser mit Maibowle und lief über den Platz auf die beiden Mädchen zu, die immer noch am Rande des Geschehens standen und das Ganze zunächst auf sich wirken zu lassen schienen.
Er lachte.
Dabei wurden zwei verschmitzte Grübchen in den Mundwinkeln sichtbar.
“Wie schön, euch zu sehen”, rief er gewinnend, überreichte jedem der Mädels ein Glas Bowle und machte eine leichte Verbeugung.
“Wo hast du gesteckt?”, fragte Magda strahlend, drückte ihrer Freundin das Glas in die Hand und fiel Juri übermütig mit einem Jauchzer um den Hals.
“Langsam, langsam …”, lachte Juri, machte sich vorsichtig los und stellte das Mädchen zurück auf seine Füße.
“Wonach sieht es denn aus? Wo könnte ich gewesen sein?” Er stellte sich in Pose. So, dass die Dienstkleidung richtig zur Geltung kam, die ein Soldat auch in seiner Freizeit zu tragen hatte. Er war stolz darauf, zur Streitmacht seines Volkes zu gehören. Doch im Grunde war er sicher, dass die Mädchen kaum wussten, was es bedeutete, eine Uniform zu tragen.

“Schmuck siehst du aus.” Magda betrachtete den Helden ihrer Kindheit anerkennend von oben bis unten.
Sie dachte nach.
“Wahrscheinlich warst du in Warschau”, überlegte sie. “Fürs Vaterland? Also für dein Vaterland? Deine Uniform sieht sehr … wie soll ich sagen? Auf jeden Fall ist sie beeindruckend. Also sie sieht sehr … mmh … respekteinflößend aus.”
“Aber offenbar nicht sehr einschüchternd. Sie hat dich nicht davon abgehalten, mir um den Hals zu fallen”, lachte Juri.
“Denk an deine Ehre”, flüsterte er dann augenzwinkernd und lies seine sonst sanfte Stimme so sonor klingen, dass man den erhobenen Zeigefinger buchstäblich hören konnte.
Dann grinste er schon wieder.
“Nein, in Warschau war ich nicht.” Er schüttelte den Kopf.

“Ich war unterwegs, um mein Volk zu schützen”, fügte er dann ernsthafter hinzu. Er überlegte kurz, ob es Sinn machte, den Mädchen etwas von der politischen Situation und vom Krieg zu erzählen. Polen hatte erreicht, dass es seit 1918 endlich unabhängig war. Weitestgehend jedenfalls. Dafür hatten er und seine Kameraden gekämpft.
In Koslau hatte man möglicherweise kaum etwas von diesem Krieg gemerkt, der in Europa begonnen und sich schließlich über die ganze Welt ausgebreitet hatte, vermutete Juri. Zumindest nicht, wenn man als junges Mädchen behütet aufgewachsen war. Die Landwirtschaft warf genug ab, dass Wilhelmine und alle, die mit ihr auf dem Gut lebten, genügend zu essen hatten. Und auch im Zollwärterhäuschen herrschte sicherlich kein Mangel.
Es hatte nicht viele Männer zu der Zeit in Koslau gegeben. Die Arbeiten auf den Feldern wurde von den Frauen erledigt. Inzwischen waren die meisten Männer aber wieder da.
Und ganz eindeutig freuten sich die Menschen über jeden, der nun wieder aus dem Krieg zurückgekehrt war. Manche waren unversehrt, manche mit Verletzungen heimgekehrt, die man sah. Manche Männer hatten aber auch solche Wunden davongetragen, die nach außen zwar nicht sichtbar waren, aber trotzdem tiefe Spuren hinterlassen hatten.
Juri schaute sich um. Alle hatten ihren Sonntagsstaat angezogen und saßen mit ihren Familien an Tischen, die der Wirt des Gasthofs in Klein Koslau mit seinen Leuten auf dem Dorfplatz aufgestellt hatte. Die Feuerwehrkapelle packte die Instrumente auf einer improvisierten Bühne aus. Sie sollte später zum Tanz aufspielen. An einem Getränkewagen wurde Maibowle angeboten. Die Frauen aus dem Dorf hatten Kuchen und Brot gebacken und bewirteten ihre Nachbarn.

Auch bei Lonzewskis war in den vergangenen Tagen eifrig gebacken worden. Die Mädchen, die Wilhelmines Mutter sonst im Haushalt zur Hand gingen, waren angewiesen worden, die Gäste zu bedienen, Speisen aufzutragen, Geschirr aufzutragen, abzuräumen und abzuwaschen. Sie waren die guten Seelen im Hintergrund. Es schien ihnen Spaß zu machen, hier unter den Leuten zu sein.
Wilhelmine verdrehte die Augen. “Juri ist Soldat. Das siehst du doch. Er war im Krieg”, ein kleines bisschen sah sie auf ihre Freundin herab, die so gar nichts von Geschichte und Politik zu wissen schien.
“Für die Polen ging es in diesem Krieg darum, einen Platz für ihr Volk zu finden”, dozierte sie vielleicht ein bisschen schulmeisterhaft. Sie war stolz auf ihr Wissen und wollte einen guten Eindruck auf Juri machen. “Sie suchten nach einen Platz, an dem sie sicher waren, einen Platz zum Leben. Und sie wünschten sich irgendwo einen Zugang zum Meer.”
Juri sollte merken, dass sie viel klüger war als Magda. Sie konnte nicht verhindern, dass sich eine leichte Röte bei ihren Worten langsam vom Hals nach oben über ihre Wangen bis an den Haaransatz ausbreitete.
Juri war tatsächlich beeindruckt. “Das stimmt”, sagte er anerkennend. “Ich bin erstaunt darüber, was in deinem hübschen Köpfchen steckt. Woher weißt du das alles?”
“Na ja …” Wilhelmine schaute zu Boden. “Man erfährt viel, wenn man zuhört, genau hinhört, was auf den Feldern und in unserer Küche gesprochen wird.” Nun wurde sie noch ein bisschen röter. Wenn das überhaupt möglich war. “Und manchmal lässt der Vater seine Zeitung nach dem Frühstück auf dem Tisch liegen.” Juris Lob machte sie verlegen.
“Aber Krieg ist nie schön”, sagte sie leise. “Für niemanden. Egal, welche Gründe es dafür geben mag.”

Sie ist so zart, dachte Juri, so klug. Und sie ist mitfühlend. Er hatte das Bedürfnis, sie zu berühren, doch er behielt seine Hände bei sich.
“Ja, da hast du wohl recht”, antwortete er stattdessen und dachte an all das Leid, das er gesehen hatte, während er für sein Volk gekämpft hatte. Er dachte an die entsetzten weit aufgerissenen Augen seines Kameraden, dem eine Kugel den Stahlhelm durchbohrt hatte, als der direkt neben ihm gestanden hatte. Sein Freund war in seinen Armen gestorben. Er dachte an die Tränen dessen Mutter, als er ihr die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbringen musste. Er hatte Familien getroffen, die monatelang nichts von ihren Angehörigen gehört und versucht hatten, irgendwie weiter zu leben, hatte Verletzte wimmern gehört, Menschen leiden, Kinder hungern gesehen. Und manchmal hatte er gegen Soldaten kämpfen müssen, die polnisch gesprochen hatten wie er. Die aufgrund der Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts nun für Österreich-Ungarn oder Russland in den Krieg ziehen mussten oder als Freiwillige für Frankreich und Amerika zu den Waffen gegriffen hatten.
Juri sah sich um. Die Menschen um ihn herum wirkten unbeschwert, lachten. Sein Blick fiel auf eine Gruppe junger Leute. Die Mädchen sittsam lächelnd tuschelten mit ihren Freundinnen, während sie den jungen Männern, die vielleicht gerade mal so alt waren wie seine jüngeren Brüder, immer wieder kokette Blicke zuwarfen. Die Jünglinge redeten derweil mit Händen und Füßen und achteten darauf, dass die Mädchen auch jede ihrer Bewegungen wahrnahmen. Es war ganz offensichtlich Frühling. Nicht nur in der Luft, sondern auch in den Köpfen der Dorfbewohner. Der Krieg schien hier keine Spuren hinterlassen zu haben.
“Man hätte die Konflikte anders lösen können”, sagte er dann aus seinen trüben Gedanken heraus.
“Hätte euer Kaiser Herrn von Bismarck nicht gehen lassen, wäre sicherlich einiges anders gelaufen. Dass Wilhelm II dann beschlossen hatte, selber zu regieren, war keine gute Idee.”
“Was ist schlecht daran, wenn ein Kaiser regiert?” Wilhelmine zog fragend die Augenbrauen hoch. “Als Bismarck gegangen war, hatte Kaiser Wilhelm uns ein besseres Leben versprochen. ‘Ich werde euch herrlichen Zeiten entgegen führen’, soll er gesagt haben.”
“Das hat er aber nicht gekonnt”, erklärte Juri. “Er hatte doch überhaupt keine Vorstellung davon, was es heißt, einen Staat zu führen. Er hat sich nichts sagen lassen, war ein anmaßender selbstsüchtiger Prahlhans, der so tat, als wüsste er alles. Dabei hatte er keine Ahnung von den Zusammenhängen. Von Diplomatie ganz zu schweigen. Das lag ihm überhaupt nicht.”

Wilhelmine schwieg beeindruckt. Sie hatte in der Schule gelernt, dass Bismarck 1890 seinen Abschied genommen hatte. Von den Hintergründen wusste sie nichts. Er soll nicht das beste Verhältnis zu seinem Kaiser gehabt haben, hatte sie mal irgendwo aufgeschnappt. Aber eigentlich war es nicht mehr wichtig.
“Es ist vorbei”, sagte sie leise. “Der Krieg ist zu Ende. Ihr habt euren unabhängigen Staat und wir können weiterhin in Frieden zusammen leben.”
Sie schaute Juri an.
“So wie früher”, setzte sie hinzu und schaute zu Boden.

Magda hatte nicht viel zu dem Thema beizutragen gewusst. Von Politik hatte sie keine Ahnung. Es interessierte sie nicht. Sie fand das Gespräch langweilig.
Nachdem sie nun mehrmals laut geseufzt hatte und trotzdem nicht bemerkt worden war, versuchte sie es anders.
“Guck mal, Juri, ich bin auch noch da.” Magda stupste ihren Kumpel freundschaftlich in die Rippen. “Ich bin zwar klein, aber so klein, dass man mich übersehen müsste, bin ich dann doch nicht. Und ich finde euer Thema langweilig. Es passt nicht auf ein so schönes sonniges Maifest”, sagte sie trotzig.
Juri wandte sich zu Magda, lachte, schnappte sich das Mädchen und wirbelte es durch die Luft.
“Klein und handlich”, grinste er und stellte es wieder auf die Füße.
“Du hast Recht. Heute ist kein Tag, um über so ernste Dinge zu reden”, nickte er.
“Ihr seid beide hübsche junge Frauen geworden. Eine hübscher als die andere.”
Magda hielt den Kopf schräg und grinste. Ich kann sehen, dass du nur Augen für meine Freundin hast, dachte sie und spürte einen leichten Stich in der Magengegend. Ihr entging nicht, wie zärtlich sein Blick war, wenn er Wilhelmine ansah. Ich bin die kleine Schwester, dachte sie nüchtern, der gute Kumpel aus Kindertagen.
Sie seufzte. Und sah, wie Wilhelmines Augen leuchteten und sie bei jedem Wort des jungen Mannes etwas mehr mit der Sonne um die Wette strahlte.

Wilhelmine hielt sich inzwischen an der Maibowle fest.
Ich starre ihn an, als wäre ich hypnotisiert, dachte sie und versuchte dem Geplapper ihrer Freunde zu folgen, die inzwischen über die Streiche von Magdas kleinen Geschwistern lachten.
Wie hypnotisiert oder wie die Schildkröte vorhin an der Skottau.
“Magst du noch ein Glas Maibowle?”, fragte Juri mitten in ihre Gedanken hinein und nahm ihr das leere Glas aus der Hand. “Ich hol uns Nachschub. Bleibst du hier stehen oder kommst du mit?”
Wenn ich jetzt noch ein Glas Maibowle trinke, kann ich nicht mehr sprechen, dachte Wilhelmine. Oder vielleicht gerade dann? Ganz sicher ist es unschicklich. Aber ist das wichtig? Sie guckte sich um. Magda war nicht mehr zu sehen. Wilhelmine hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass ihre Freundin gegangen war.
“Ich komme mit”, stammelte sie dann.

Am Getränkestand drückte Juri ihr ein Glas in die Hand. Dabei streiften seine Finger ganz leicht ihren Handrücken. Die Berührung ging Wilhelmine durch und durch. Himmel, wie sich das anfühlte! Ja, Himmel war genau das richtige Wort. So fühlte sich vermutlich der Himmel an.

Die Feuerwehrkapelle hatte inzwischen begonnen zu spielen.
“Wollen wir tanzen?”
Juri hielt Wilhelmine galant den Arm hin.
“Ja, gerne”, hauchte das Mädchen und hakte sich bei ihm ein.
Dann brauche ich wenigstens nicht zu reden, dachte sie.
Sie lag in Juris Armen, ließ sich in die Bewegung, in die Musik, fallen.
“Himmel” passte immer noch.
“Und was hast du gemacht, während ich weg war?”, fragte Juri.
“Ich?” Wilhelmine schoss schon wieder die Röte ins Gesicht. Wie überaus unangebracht.
“Ja, du!” Juri lachte. “Oder meinst du, ich wollte vielleicht wissen, was deine Großmutter in dieser Zeit gemacht hat?”
“Oh, meine Großmutter”, sagte Wilhelmine. Sie kam sich total einfältig vor. Aber dann fand sie ihre Sprache wieder.
“Also, meine Großmutter spinnt.” Wilhelmine wollte nicht über sich reden. Sie wollte lieber zuhören. Seiner Stimme lauschen. Egal, worüber er redete. “Wolle. Also sie spinnt Wolle. Das hat sie auch getan, als du weg warst”, sagte sie dann. “Und du? Was machst du jetzt? Der Krieg ist vorbei.”
Und Juri erzählte. Dass er beim polnischen Militär von Anfang an für die Pferde zuständig war, weil seine Vorgesetzten der Meinung waren, er hätte ein besonders geschicktes Händchen im Umgang mit den Tieren.

Er verdiene jetzt Geld, berichtete er.
Genug, um eine Familie zu ernähren.
Wenn ihm jetzt die Richtige über den Weg laufen würde, könnte er heiraten
Juri seufzte.
Denn eigentlich war sie ja schon da, die Richtige.
Nur kam sie ganz und gar nicht aus seiner Welt.
Juri konnte sich nicht von den Augen der hübschen blonden Frau lösen.

Wilhelmine bekam weiche Knie, kam aus dem Rhythmus, machte einen falschen Schritt, verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen in der Luft.
Juri fing sie auf und zog sie ganz eng an sich. Wilhelmine spürte seine Hände, seine Wärme, seinen Atem im Nacken.
Himmel, wie kann man dabei seine Fassung behalten?, dachte Wilhelmine und hatte das Gefühl, das ganze Dorf müsste sehen, wie sie sich fühlte. Fast meinte sie, die Blicke der Nachbarn körperlich zu spüren. Aber als sie sich umsah, fand sie eigentlich alle mit irgendwelchen anderen Dingen beschäftigt. Manche waren in Gesprächen vertieft, andere sahen den Tanzenden zu und einige genossen einfach den Tag und schauten irgendwie nirgendwo hin. Jedenfalls nicht zu Wilhelmine.
Ihre Haut prickelte. Das Gefühl war ihr völlig fremd. Sie genoss es, aber gleichzeitig waren ihr diese Empfindungen ganz und gar nicht geheuer. Unsicher machte sie sich von Juri los, lief zu dem Wagen mit der Maibowle und hielt sich noch ein bisschen an ihrem Glas fest.

“Bist du auf der Flucht vor mir?” Juri holte Wilhelmine ein und dann standen sie zusammen am Getränkestand. Ganz nah beieinander. Prosteten sich mit ihren Bowlegläsern zu. Juris Herz machte einen Hüpfer. Sie mag mich auch, freute er sich. So wie sie ihn anstrahlte, so unsicher, wie sie ihr Glas ganz fest mit beiden Händen hielt, hatte er keinen einzigen Zweifel mehr.
“Warum bist du eigentlich noch nicht verheiratet?”, wollte Juri wissen. “Du hast doch bestimmt eine Menge Verehrer. Wenn ich dich so ansehe, müssten es an jedem Finger zehn sein.”

Wilhelmine hatte ihre Sprache wieder. Und ihre Fassung. Gott sei Dank.
“Ja, der Krieg ist vorbei und inzwischen gibt es auch in Klein Koslau keinen Männermangel mehr. Und tatsächlich sind inzwischen auch wieder ein paar Männer da, die mir den Hof machen.” Wilhelmine lächelte kokett. Doch dann wurde sie ernst: “Oder vielmehr meinem Vater. Bei ihm stehen die Eheanwärter Schlange um mich. Und täglich liegt er mir damit in den Ohren, einen von ihnen zu akzeptieren. Jeden Tag einen anderen.”
Alles, was sich in der letzten Zeit in ihrem Herzen aufgestaut hatte, fand ein Ventil. Sie erzählte, dass es ihr ja klar war, dass sie das Gut übernehmen, das Erbe ihrer Familie verantwortungsvoll weiterzuführen hatte. Aber musste sie deshalb jemanden heiraten, nur weil er etwas von der Verwaltung eines Gutes verstand? Das konnte sie selber. Damit war sie aufgewachsen. Dafür brauchte sie keinen Mann. Während des Krieges war ja auch kaum einer da gewesen. Da hatten die Frauen schließlich auch selber ihren Mann stehen können.
Was gab es für einen Grund, jemanden zu heiraten, der noch mehr Landbesitz mit in die Familie brachten? Sie hatte 70 Hektar. Das reichte. Davon konnte man gut leben. Und mehr Land hieß doch letztenendes nur: mehr Arbeit.
Nein, Wilhelmine wollte den Mann heiraten, den sie liebte. Und sonst niemanden.

“Was sagen denn deine Eltern dazu?”, fragte Juri besorgt. Ein ziemlich kluges, selbstbewusstes Mädchen, dachte er. Viel zu klug, um irgendjemanden zu heiraten, nur weil es ihr Vater so wollte. Sie wird es nicht einfach haben. Da war sich Juri sicher. Nicht als Frau. Und schon gar nicht in dieser Zeit.
“Was meine Eltern wollen, ist mir egal”, antwortete Wilhelmine trotzig. “Die werden irgendwann schon einlenken. Ich muss nur überzeugend genug sein.” Jetzt lachte sie wieder. Ein strahlendes offenes Lachen.
Juri wollte das glauben. Wollte glauben, dass er eine Chance hatte. Das Gut brauchte er nicht. Von seinem Sold konnte er seine Familie ernähren.
Wenn sie nur wollte.

Inzwischen war es dunkel geworden. Der Mond leuchtete hell, die Nacht war sternenklar und die Luft schmeckte mild. Frühling lag in der Luft.
“Darf ich dich nach Hause bringen?”, fragte Juri und bot Wilhelmine seinen Arm an. Er kam sich dabei sehr verwegen vor. Schließlich war er sich klar darüber, dass er und Wilhelmine am nächsten Tag Gesprächsstoff sein würden. Der polnische Soldat und die deutsche höhere Tochter vom Gutshof.
Aber reden würden die Leute sowieso. Egal, ob Juri das Mädchen nun auch noch nach Hause brachte oder nicht.
Wilhelmine sah sich um. Ihre Eltern saßen mit dem Pfarrer und dem Lehrerehepaar gemeinsam am Tisch. Jeder hatte ein Glas Bowle vor sich. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten. Gelegentlich hörte sie ihre Mutter lachen. Sie schienen ihre Tochter vergessen zu haben.
Wilhelmine schob ihren Arm in Juris und die beiden machten sich auf den Weg zum Gut. Sie gingen an der Skottau entlang. Arm in Arm. Ohne etwas zu sagen. Es schien, als würde die Zeit ein bisschen langsamer laufen als sonst. Der Mond zwinkerte und schaute freundlich. Aus den Augenwinkeln sah Wilhelmine im Mondlicht, das sich im Wasser spiegelte, dass die kleine Schildkröte immer noch am Ufer des Flüsschens saß. Weit war sie nicht gekommen.

Und dann blieb Juri stehen. Es war ganz still. Das einzige Geräusch, das man hörte, war das leise Plätschern des Flüsschens. Juri drehte sich zu Wilhelmine um. Vorsichtig nahm er ihr Gesicht in beide Hände. Juri schaute ihr mit seinen warmen braunen Augen so tief ins Herz, dass Wilhelmine schwindelig wurde und die Knie unter ihr nachgaben. Die Maibowle, dachte das Mädchen kurz und ließ sich von ihren Gefühlen treiben, mitreißen. Sie genoss es. Genoss den Augenblick, die Berührung, den Kuss. Wilhelmine hatte die Augen fest geschlossen und wollte sie nie wieder öffnen. Die kleine Schildkröte sah zu.
“Kochanka. Liebes.” Juri löste sich von Wilhelmine. “Ich möchte dich wiedersehen”, sagte er.
Wilhelmine öffnete die Augen. “Ich auch”, sagte sie.
Ich krieg das hin, dachte sie. Juri ist der Mann, den ich will. Und niemand anderes.
Dann lief sie nach Hause und drehte sich nicht mehr um.